Ein Tag beim Bestatter

Montagmorgen, 8.20 Uhr am U- und S-Bahnhof Ohlsdorf. Ein Tag beim Bestatter liegt vor mir. Dass ein Friedhof ganz in der Nähe ist, ist nicht zu übersehen. Auf diesen wird bereits am Haltstellenschild hingewiesen. An der Treppe gibt es auch direkt einen Blumenladen mit einer großen Auswahl an verschiedenen Blumen und bereits gefertigten Sträußen und kleinen Grabschmuckblumen.

Auf dem Weg hinaus die erste Werbung der Bestattungsunternehmen. In der Fuhlsbüttler Straße reihen sich Bestattungsinstitute, Steinmetze und Floristen aneinander. Direkt gegenüber des Ausgangs der U- und S-Bahn Ohlsdorf zeigt ein Schild Richtung Eingang des größten Parkfriedhofs weltweit, dem Friedhof Ohlsdorf. Hier liegen Prominente und Normalbürger nebeneinander – in einer Urne oder in einem Sarg, mit einem Grabstein, einer Plakette oder ganz auch anonym.

Ein paar Meter links liegt das Hamburger Bestattungsinstitut, geführt von Sven Havemeister mit seinen Kollegen Samantha, Sibylle und Marvin. Marvin wird aber zwischen dem Hamburger Bestattungsinstitut und dem Bestatter nebenan, Horizont, geteilt.

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Die Vorbereitung der Sargfeier im Ohlsdorfer Bestattungsforum

Nach kurzer Begrüßung und einem Kaffee geht es auch direkt los ins Ohlsdorfer Bestattungsforum, das praktischerweise direkt gegenüber liegt. Dort findet um 9.30 Uhr eine Sargfeier statt. Samantha und Marvin bereiten schon alles vor – Kerzen, der Sarghalter und weitere Dekoration wird liebevoll hinzugefügt. Danach wird der Sarg mit dem Leichnam hereingeschoben und auf den Sarghalter umplatziert. Die Floristen bringen das Blumengesteck und die Schleifen vorbei, sowie weitere Pflanzendekoration, die noch ihren Platz um den Sarg herum finden werden. Das große Blumendekor und die Schleifen werden auf dem Sarg drapiert. Zudem werden Blüten um den Sarg herumgestreut. Zu allerletzt werden die Kerzen angezündet und das Licht im Raum adjustiert, für eine schöne als auch angenehme räumliche Atmosphäre. Am Ende wird auch noch die letzte Erinnerung für den verstorbenen Mann in den Sarg gelegt, die später mit ihm verbrannt wird und so für immer bei ihm sein wird.

Trauerfeiern sind an das Leben der Lebenden getaktet und nicht an das Leben der Toten, denn die haben im Gegensatz zu den Verbliebenen Zeit. Um 9.35 Uhr war nur ein Teil der Familie anwesend, der fehlende Teil steckte im Elbtunnel fest und der Pastor hat erst jetzt den Weg zum Bestattungsforum gefunden. Unbekannte Umgebung und die Rush-Hour am Morgen. Schnell umgezogen, Türen geschlossen – um 10.10 Uhr müssen die Türen geöffnet werden und bald danach der Saal wieder zurückgebaut werden, für die nächste Trauerfeier um 11 Uhr von einem anderen Bestattungsinstitut.

Das Bestattungsforum

Das Ohlsdorfer Bestattungsforum, durch das mich Samantha führte, bietet Säle für kleine und große Trauerfeiern. Es ist ein schönes Gebäude, erst vor ein paar Jahren renoviert, um den neuen Anforderungen zu genügen. Bis auf die Fritz-Schumacher-Halle. Diese ist Denkmal geschützt und erhielt deswegen eine besondere Pflege. In ihr finden bis zu 250 Personen Platz. Die beiden anderen Hallen sind die Cordes-Halle, in der Größe variierbar und die Linne-Halle, mit 30 Plätzen die kleinste der drei Hallen. Neben den drei Hallen gibt es jeweils Warte- und Familienräume. Dort können die Familien verweilen oder separiert von der restlichen Trauergemeinde warten, bis die Trauerfeier beginnt.

Darüber hinaus bietet das Ohlsdorfer Bestattungsforum auch Abschiedsräume an. Dort kann die verstorbene Person über mehrere Tage aufgebahrt werden. Die Angehörigen erhalten eine Karte, mit der sie zu jeder Tageszeit in den Raum können, um in Ruhe Abschied zu nehmen von dem Verblichenen.

Zudem befinden sich dort zwei Grabanlagen für Urnen – eine Krypta und ein Kolumbarium. Das sind sichtbare Urnengräber – entweder mit einer Platte verschlossen oder einem dicken Glas. Dieses können individuell dekoriert werden und die Urne wird dort, für jedermann sichtbar, aufgestellt.

Eine Urne, die beerdigt wurde, braucht übrigens bis zu 5 Jahre bis sie sich in der Erde zersetzt hat. Die Urne, die für eine Seebestattung verwendet wird, zersetzt sich, so bald sie in Kontakt mit dem Meerwasser kommt.

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Bürokratie und ein Besuch in der Gerichtsmedizin

Nach dem alles abgebaut wurde, ging es zurück ins Büro. Dort wartete ich auf Marvin, der die letzten Dekorationsmaterialien verstaute und mit dem ich dann im Leichenwagen losfahren würde um den Papierkram abzuwickeln. Bürokratie erledigt sich nicht von alleine und so klapperten wir die Standesämter in Hamburg Nord, Eimsbüttel und Altona ab. Sterben ist auch Zettelsache und gehört zum Beruf des Bestatters dazu. Zudem müssen die Öffnungszeiten der Ämter bedacht werden – bis 12 Uhr sind die meisten häufig nur geöffnet, an einigen Wochentagen gar nicht. Ob man die Zeiten schafft ist auch von dem Verkehr abhängig sowie davon ob man in der Nähe einen Parkplatz findet oder eben nicht.

Anschließend führt uns unser Weg zur Gerichtsmedizin. Dort wartet eine männliche Leiche auf uns, die genaueren Umstände kennen wir nicht. Aber es ist eine Leiche auf Reisen – wir holen sie nur ab und bringen sie zur Kühlung an den Friedhof Ohlsdorf. Sie soll zurück in die Heimat nach Polen. Aus Kostengründen lassen die Angehörigen die Papierformalitäten noch in Hamburg vom Hamburger Bestattungsinstitut machen und den Verstorbenen anschließend von einem polnischen Bestatter abholen. Dieser bringt einen für den Transport notwendigen Zinksarg mit, dies ist bei einer Überführung ins Ausland Pflicht – selbst wenn der Verstorbene mit dem Auto überführt wird.

Der Geruch in der Gerichtsmedizin ist sehr speziell und für mich natürlich auch sehr neu. Zudem habe ich noch nie eine Leiche gesehen. Mit dem Fahrstuhl und dem leeren Sarg geht es hinunter. Der Geruch wird mir etwas zu viel und ich gehe in den besser riechenden Treppenraum, von dem man aus in den Gerichtsmedizinerraum schauen kann. Meine Neugierde überwiegt dennoch und ich schaue auf meine erste Leiche – allerdings ohne das Gesicht zu sehen, was ich dann auch nicht unbedingt wollte. In die Gerichtsmedizin kommen häufig viele Menschen nach ihrem Tod – sie müssen dafür keiner Gewalt zum Opfer gefallen sein. Hier kommt jeder hin, der vielleicht auch schon ein paar Tage zu lang tot in der eigenen Wohnung lag.

Marvin und der gerichtsmedizinische Mitarbeiter verpacken die Leiche in dem Sarg und ziehen ihr das Leichenhemd an und abschließend wird der Sarg mit dem Deckel verschlossen. Mit gefülltem Sarg fahren wir in dem Aufzug wieder nach oben. Zum Glück war es keine Leiche die erst Tage nach ihrem Tod irgendwo gefunden wurde, ansonsten wäre der Geruch wohl noch extremer – das erzählte mir jedenfalls der Mitarbeiter.

Mit der Leiche im Kofferraum ging es zurück zum Bestattungsforum. Dort geben wir den Sarg mit dem Verstorbenen ab und nehmen stattdessen drei Urnen mit.

Die Urnenbestattung

Von den drei Urnen ist eine ist der Verstorbene von heute Vormittag – nun frisch eingeäschert in der Urne, sie ist noch etwas warm. Hier treffen wir auch Sven wieder. Mit ihm und der noch warmen Urne mach ich mich im Auto auf den Weg zur Kapelle 11. Der Verstorbene wird heute noch beigesetzt. Wir sind etwas früher da und Sven bereitet alles vor. Das Urnengrabloch wird mit Blumen dekoriert. In der Kapelle wird die Urne in ihre Hülle gegeben und verschlossen. Obendrauf kommt ein kleines Blumengesteck. Ein unwirklicher Moment, wenn man überlegt, dass diese Person wenige Stunden zuvor noch in ihrem Sarg lag.

20160926_140917Nach dem alles vorbereitet ist zeigt mir Sven noch ein wenig die Umgebung. So liegt neben der Kapelle 11 nicht nur das Urnengrabfeld, sondern ein wenig weiter auch der Ohlsdorfer Ruhewald. Hier ist der Friedhof einem Wald sehr ähnlich und nur kleine Steine im Boden erinnern daran, dass hier Menschen in ihren Urnen vergraben wurden. Vor jedem Baum gibt es zudem eine kleine Anzeigenplakette mit kleinen Plaketten, die angeben wer in der Nähe jenes Baumes begraben liegt.

Wenig später erscheint die Trauerfamilie und ich nehme etwas Abstand und schaue mir die Grabstätten drum herum etwas an. Später erfahre ich von Sven, dass es noch Probleme gab, da das Loch angeblich an der falschen Stelle ausgehoben war und der Kapellmeister dieses neu ausmessen musste, wonach sich bestätigte, dass es der richtige Ort gewesen ist. Die Urne konnte dennoch am Ende erfolgreich begraben werden.

Der Parkfriedhof Ohlsdorf ist wirklich groß, weswegen viele hier auch mit dem Auto zur Grabstelle fahren, da ein Fußweg doch 2 Stunden und länger dauern kann. Alternativ fährt hier auch ein HVV-Bus hindurch. Dennoch erscheint es dadurch wie eine kleine Familiensiedlung, wo die Angehörigen andere Angehörige besuchen kommen. Es zwar kein direktes Miteinander mehr ist, aber auch kein gänzliches Ohneeinander.